Kuhle Wampe oder Wem gehört die Welt? , © Verleiher

Kuhle Wampe oder Wem gehört die Welt?

Es gab sie tatsächlich, die Kolonie Kuhle Wampe: Sie befand sich am südlichen Ufer des Großen Müggelsees und hieß angeblich so, weil das Ufer bauchig und das Wasser selbst im Sommer kühl war, wie jedenfalls das Heimatblatt "Müggelheimer Bote" versichert. 1913 entstand hier das erste Zeltdorf, das zehn Jahre später dreihundert Menschen ein primitives Zuhause bot. Die meisten unter ihnen waren Arbeiter und Arbeitslose. Ganz in der Nähe hat Slatan Dudow 1932 den Film "Kuhle Wampe oder wem gehört die Welt?" gedreht, angespornt von den Einblicken in das Leben des Berliner Proletariats, das der Bulgare bereits mit seiner Handkamera dokumentiert hatte. Ein Spielfilm sollte es werden, der das Elend der Massenarbeitslosigkeit offenbart, und, wie der Regisseur sagte, das Wachsen der Jugend aus der kleinbürgerlichen Enge in die proletarische Solidarität. Für seinen Film "Kuhle Wampe oder Wem gehört die Welt?" gewann er Bertolt Brecht und Ernst Ottwalt als Autoren, die Musik schrieb Hanns Eisler. Gewarnt von dem Rechtsstreit, den Brecht und Weill wegen der Verfilmung der "Dreigroschenoper" angestrengt hatten, sicherten sich Brecht, Ottwalt, Dudow, Eisler, Produktionsleiter Georg Hoellering und ein Anwalt die Rechte - in gewissem Sinne ist "Kuhle Wampe" ein früher independent film. Es ist nicht nur das Ergebnis, das heute in der einschlägigen Literatur viel Beachtung findet - in Reclams Filmführer etwa wird er als der "einzig eindeutig kommunistische Film in der Weimarer Zeit" bezeichnet. Es sind die schwierigen Umstände seiner Entstehung. Licht und Platz reichten nicht in "Kuhle Wampe" und Produktionsleiter Georg Hoellering mochte die Idylle nicht stören: "Die Bewohner waren alle sauber und ordentlich, hatten ihre kleinen Gärten (…) und wollten nicht, dass all die Filmleute hier herumtrampelten." Was aber in erster Linie fehlte war Geld: Die Tonfilmapparaturen mussten teuer gemietet und Geldgeber gefunden werden: Die Produktionsgesellschaft Prometheus-Film zog sich vor dem Ende der Dreharbeiten zurück: Sie war pleite. Die Züricher Gesellschaft Präsens-Film übernahm die Produktion und 1932 war der Film im Kasten, aber noch lange nicht im Kino: Die Berliner Filmprüfstelle verbot die Geschichte, weil sie angeblich den Reichspräsidenten, die Justiz und die Religion beleidigte. Künstler und Kritiker protestierten. Die "Neue Montags-Zeitung" schrieb am 14. April 1932: "Das Verbot des Films 'Kuhle Wampe' (…) ist ein schwerer Schlag - nicht nur für die betroffene Firma selbst, die den Film in einjähriger, mühevoller Arbeit hergestellt hat, sondern auch für alle, die dem Bankrott der bürgerlichen Produktion, ihrem künstlerischen und finanziellen Bankrott, etwas Positives gegenüberzustellen versuchen." Hier endlich, hieß es weiter, schienen alle Voraussetzungen erfüllt, um auf einer neuen kollektiven Grundlage, wie sie von Brecht, Ottwalt, Eisler und Dudow geschaffen wurde, den Kampf gegen die herrschende Geschmacksverwilderung mit Erfolg aufzunehmen. Diese und andere Kritiken verfehlten ihre Wirkung nicht: Der Film wurde entschärft und lief mit einigem Erfolg an, weil er zeigte, was seinerzeit üblicherweise ausgeblendet wurde: Erzählt wird die Not in diesen Tagen am Beispiel der Arbeiterfamilie Bönike, die besonders hart von der Wirtschaftskrise getroffen ist. Der Sohn (Adolf Fischer) bemüht sich tagtäglich wie vergeblich um eine Stelle und erfährt von seinem ebenfalls arbeitslosen Vater (Max Sablotzki), dass seine Unterstützung gekürzt werde - gleichzeitig machen ihm die Eltern Vorhaltungen: sieben Monate hintereinander könne man kein Unglück haben. Aus Verzweiflung stürzt er sich aus dem Fenster. Als sie die Miete nicht mehr zahlen kann, wird der Familie wird die Wohnung gekündigt. Tochter Anni (Hertha Thiele) kann der Familie über ihren Freund, dem Automechaniker Fritz (Ernst Busch), eine Unterkunft in der Zeltkolonie "Kuhle Wampe" besorgen, wo zu dieser Zeit rund 300 Menschen leben. Als Annie Fritz offenbart, sie sei schwanger ist, besteht er auf einer Abtreibung, entschließt sich aber dann doch zur Heirat. Aber während der Verlobungsfeier, einem hemmungslosen Besäufnis der Gäste, sagt er ihr, dass er sich zur Ehe gezwungen fühle. Anni verlässt ihn, kommt bei einer Freundin unter. Die bringt Anni wieder zu dem Arbeitersportverein, den sie auf Fritzens Drängen aufgegeben hat. Schon eine Woche später feiern die linken Gewerkschaften ein Sportfest. Dudow arrangiert hier große Massenszenen, Brecht und Eisler illustrieren sie akustisch mit dem "Sportlied": "Kommend aus vollen Hinterhäusern / Finstern Straßen der umkämpften Städte / Findet ihr euch zusammen / Um gemeinsam zu kämpfen. / Und lernt siegen.". Fritz findet sich unter den Zuschauern und verliebt sich kurzerhand wieder in die Frau, über deren Weggehen er vor wenigen Tagen noch erleichtert war. Mit anderen Arbeitern fahren beide in der U-Bahn zurück in die Stadt und geraten in einen Meinungsstreit mit Bürgern über die Wirtschaft und angebliche Unveränderbarkeit der Welt. Die Antwort der Arbeiter: Das (bereits zuvor erklungene) "Solidaritätslied" - ein Klassiker des Proletenkults: "Vorwärts und nicht vergessen / Worin unsre Stärke besteht! / Beim Hungern und beim Essen / Vorwärts, nie vergessen / Die Solidarität!" Brecht erwies dem Zensor ironisch seine Wertschätzung: er sei einer der wenigen gewesen, die den Film wirklich verstanden hätten. Er habe zum Beispiel ganz klar gesehen, dass der Selbstmord des jungen Arbeitslosen nicht individuell, sondern typisch gemeint sei. Angeblich soll der Film nie auf parteipolitische Ziele hin inszeniert worden sein. Produktionsleiter Hoellering versicherte: "Es gab das Drehbuch und man konnte alles, was man wollte in das Drehbuch hineinlesen. Aber wir diskutierten es nie von einem parteipolitischen Standpunkt aus." Nur in einem Falle versicherte man sich der Hilfe der Kommunistischen Partei: "In dem Gebiet, in dem wir drehten, waren Nazi-Sturmtruppen gewesen, und wir baten die Kommunisten, unseren Standort zu sichern." Viele der Laiendarsteller stammten übrigens aus Kuhle Wampe, verdienten sich als Statisten ein paar Mark oder bekamen ein warmes Mittagessen für eben ihre kuhle Wampe, womit - eine andere Lesart des Begriffs - die Berliner nichts anderes als den leeren Bauch meinen.



Termine

Film Infos

Land:
Deutschland
Jahr:
1932
Genre:
Drama
Regie:
Slatan Dudow
Buch:
Bertolt Brecht, Ernst Ottwald
Kamera:
Günther Krampf
Musik:
Hanns Eisler
Schnitt:
Peter Meyrowitz
Darsteller:
Hertha Thiele (Anni Bönike), Ernst Busch (Fritz), Martha Wolter (Gerda), Adolf Fischer (Kurt), Lilli Schoenborn (Mutter Bönike), Max Sablotzki (Vater Bönike), Gerhard Bienert (Zeitungsleser), Erwin Geschonneck (Arbeitersportler), Willi Schur (Otto)
FSK:
Länge:
74 Minuten