
- Persepolis
Persepolis
Vielleicht ist dies die größte Tragödie, die dem Iran in den vergangenen Jahrzehnten widerfahren ist: dass dieses Land, dass dessen Menschen so gründlich missverstanden werden wie nur wenige andere. Iran, dass ist das Land, in dem bärtige Männer westliche Musik verbieten oder ein führender Politiker die Auslöschung Israels propagiert. So ist es beinahe alltäglich aus dem Fernsehen und den Zeitungen zu erfahren.
Marjani Satrapi kennt dieses Land, und sie liebt es trotz des Irrsinns, dem es anheim gefallen zu sein scheint. Hier wurde sie 1969 geboren, hier wuchs sie auf, bis ihre Eltern die 14-Jährige nach Österreich schickten, um sie in Sicherheit zu wissen.
Satrapi lebt inzwischen in Frankreich. Dort hat sie vor mehr als zehn Jahren einen autobiographischen Comic geschrieben und gezeichnet: „Persepolis – Eine Kindheit im Iran”. Ein zweiter Band „Eine Jugend in Iran” sollte folgen.
Die Persepolis-Comics wurden nicht nur unter kommerziellen Gesichtspunkten ein Erfolg (sie erreichten eine Auflage von mehr als eine Million Exemplare). Zugleich gelang Satrapi mit ihren flächigen, rein schwarz-weißen Zeichnungen, ein differenziertes Bild von einem Land zu vermitteln, in dem immer noch die Geschichte einer untergegangenen Hochkultur widerhallt, das durchaus dem Westen zugewandt war und in dem liberales Gedankengut weit verbreitetet war. Wenige Seiten genügen Satrapi, um den Leser in den Bann zu schlagen, mit einem Witz und einer Selbstironie, der sie auch angesichts all der tragischen Ereignisse nicht verlässt.
Diese Komik hat Satrapi gemeinsam mit Co-Regisseur Vincent Paronnaud nicht nur in die Adaption ihrer Comics fürs Kino bewahren können – sie kommen dort vielleicht noch stärker zur Geltung. Um so mehr fasziniert „Persepolis”, indem darin auf sämtliche, auch fragwürdige, Errungenschaften des modernen Animationsfilm verzichtet wird: hier wird nichts digital animiert, hier wird nicht versucht, die Realität an Präzision zu übertrumpfen: Satrapi konzentriert sich auf das Wesentliche.
Und so erzählt sie episodenhaft und angelehnt an ihre eigene Biographie, von den Wünschen der kleinen Marji (Prophet zu werden), von den Hoffnungen der Eltern nach dem Sturz des Schahs (auf Freiheit), von den aufregenden Tagen der Revolution (als sie im Namen des Fortschritts andere Kinder terrorisiert), von pubertären Protesten („Punk is not ded”), von dem Exil in Europa (das ihr fremd bleibt). Sie erzählt vom Tod der Großmutter und der vom Staat verfügten Ermordung des Onkels, von geheimen Feiern, vom Aufbegehren gegen die Bärtigen, von im Krieg zerstörten Häusern, von einer frühen Ehe und deren frühen Scheitern.
Satrapi erzählt von einem Land, das wir nicht kennen. Bevor wir „Persepolis” gesehen haben. – „Das Wort Zeichentrick macht es uns einfach, diesen Film in eine Schublade zu stecken, auch wenn es eine sehr ehrenvolle ist. So müssen wir nicht entscheiden, ob Persepolis vielleicht auch der Dokumentarfilm des Jahres wäre, ich wüsste jedenfalls keinen besseren.” (Frankfurter Rundschau)